Das faschistische Mycel – I

Gesellschaft – Extrempositionen

Politische Positionen lassen sich in der Regel so weit in Details auflösen, dass eine Menge einzelner ‚elementarer Eigenschaften‘ übrigbleibt, bezüglich derer eine Position sich dann – jeweils für jede der Eigenschaften – immer irgendwo zwischen zwei Extremen verorten lässt; manchmal auch nicht dazwischen sondern an einem der Extreme. Erfahrungsgemäß stellen irgendwelche Positionen in der ‚goldenen‘ Mitte – also Kompromisse zwischen den Extrempositionen – die Lösungen dar, die von der großen Mehrheit der Bevölkerung mitgetragen werden können und die funktionieren – in einer Demokratie ein westlicher Punkt.

Dabei geht es nicht nur um ‚Meinungen‘, auch sachlich liegen die besten Lösungen meist in der Mitte, denn Extreme werden meist unverhältnismäßig riskant und teuer. Beispiel: Just in Time Produktion – je geringer die Lagerhaltung, desto billiger kann produziert werden – alle profitieren davon. Fallen dann Transporte aus, steht nach Stunden die ganze Produktion still, weil man ja nichts am Lager hat. Eine ganze Lieferkette wird gestört und das wird sehr teuer. Der optimale Kompromiss ist also, ein kleines Lager: Riesen Lager sind zu teuer, gar kein Lager ist zu riskant und damit auf lange Sicht auch zu teuer. (In der Praxis zählt allerdings meist der schnelle Kosten-Vorteil, das Risiko ist … na ja … dumm gelaufen.) Ähnliche Zusammenhänge trifft man praktisch überall an: Am Anfang ist Optimierung preiswert und bringt viel, am Ende ist Optimierung teuer und bringt kaum noch Vorteile, aber viele Nachteile.

Ein für alle Menschen ganz grundlegendes Gegensatzpaar betrifft die Frage der ‚richtigen‘ Gesellschaftsform an sich, und so kämpfen in unserer Welt zwei Grundideen in ihren Extremen gegeneinander: das eine Extrem wurde von Margaret Thatcher vertreten und so einfach und klar formuliert: „There is no such thing as society“ – es gibt keine Gesellschaft. Also: jeder kämpft gegen jeden, fast ohne Einschränkung der Waffen, aber immer ohne Rücksicht oder Mitgefühl – der Sieger hat den Sieg verdient, weil er gesiegt hat und darf sich darum alles nehmen.

Das andere Extrem verfolgt die Idee, dass es keine Individuen gibt oder geben darf und dass nur das Kollektiv zählt, so ähnlich wie bei Ameisen – das Individuum hat keinen Wert, aber zusammen sind sie erfolgreich. Demnach sind alle Menschen so gleich, dass sie beliebig ausgetauscht werden können. Diese Vorstellung gab es im dritten Reich, ich sehe sie aber auch im Sozialismus und Kommunismus, in dem das Individuum als gefährlich betrachtet wird und wurde, und nur das Kollektiv zählt.

Beide Ideen schließen sich gegenseitig aus – und sind in der Tendenz faschistoid, denn sie leugnen das Wesen der Menschen – und damit seine Würde. Aber Individuum und Gesellschaft bedingen sich gegenseitig und Menschen wollen meist zugleich Individuum und auch Teil einer Gemeinschaft sein.

Beide Extrempositionen konsequent gedacht verlangen nach Gewalt, um die Gesellschaft in Formen zu zwingen, die NICHT den Wünschen der meisten Menschen entsprechen.

Bei genauerer Betrachtung stellt man allerdings fest, dass sogar die Vertreter dieser Extrempositionen diese gar nicht wirklich vertreten, denn sie klammern sich selbst dabei immer aus: Der Gesellschaftsfeind a la Thatcher braucht die hohe Produktivität der Gesellschaft der Anderen, um sie aussaugen zu können, der kommunistische Anti-Individualist betrachtet sich selbst als individuell überlegen, woraus er das Recht ableitet, sich über die Anderen zu stellen, die doch eigentlich gleich, gleichwertig und austauschbar sein sollten.

Das faschistische Mycel

So verschieden diese extremen Formen auch erscheinen mögen, gleichen sie sich doch in der Bereitschaft ihrer Anhänger, andere Menschen der eigenen Ideologie zu opfern und sie zu entmenschlichen: wer nicht zur eigenen Ideologie passt, verliert seine Menschenrechte und seine Würde. Ausgedrückt wird das beispielsweise durch eine nachhaltig entmenschlichende Sprache, die z.B. Juden ‚feige‘, ‚Parasiten‘ oder ‚Schmarotzer‘ nennt, Mütter zu ‚Brutmaschinen‘ macht, Väter als ‚Samengeber‘, Männer allgemein als ‚Trash‘ oder Männlichkeit als ‚toxisch‘ bezeichnet, um nur ein paar Beispiele zu nennen. Der Trick dabei ist, durch wiederholendes Nennen solcher Begriffe zusammen mit der Zielgruppe, ein negatives Framing zu erzeugen, das nach einiger Zeit automatisch zu Ablehnung und Abwertung führt, ohne dass die Ursachen noch bewusst wären.

Möglich wird diese Entmenschlichung durch Empathilosigkeit (wobei es selbstverständlich auch hier kein simples Schwarz/Weiß gibt; jemand kann auch wenig oder kaum Empathie zeigen, ohne vollkommen empathielos zu sein) und daraus resultierend – wenngleich oft nur implizit – der Möglichkeit zur Unterscheidung in wertes und unwertes Leben. Beide Extreme haben damit eine gemeinsame Basis, die ich das faschistische Mycel nenne. Die bekannteste Frucht die dieses Mycel hervorbringt, ist vielleicht der klassische Faschismus, aber in Abhängigkeit von den Umständen bringt dieses Mycel auch verschiedenste andere ‚giftige Pilze‘ hervor, wie z.B. die Ausrottung von Ureinwohner aller Art, Stalinismus, Sklaverei und Rassismus. Früchten dieses faschistischen Mycels gemeinsam ist die Einteilung der Menschen in wertlose und wertvolle Gruppen, wobei die eigene Gruppe die ‚gute‘, die fremde dagegen minderwertig ist.

So ein Mycel kann lange im Verborgenen lauern, denn es braucht bestimmte Bedingungen um auszutreiben; so lange lauert es fast unerkannt im Untergrund und wartet auf die richtigen Bedingungen um ans Tageslicht zu kommen. Dann durchbricht es die harmlos erscheinende Oberfläche, beginnt auszutreiben und Schrecken zu verbreiten.

Darum ist es wichtig, immer die Augen offen zu halten und auf die Anzeichen zu achten, die das faschistische Mycel ausmachen: Empathilosigkeit und entmenschlichende Sprache.

Ich weiß besser was Du willst als Du selbst

Eine der schlimmsten Diskriminierungen ist die unerwünscht aufgedrängte Hilfe, denn sie unterstellt dem ‚Opfer‘ Hilflosigkeit, also Unvermögen und Schwäche.

Eine alte Frau möchte die Straße überqueren, aber der Verkehr ist zu stark. Da kommt der Retter, hakt sie unter, stoppt den Verkehr und bringt die Dame auf die andere Straßenseite – Heldentat.

Einige Jahre später laufen seine Jünger durch die Städte und tragen jede alte Frau auf die sie treffen auf die andere Straßenseite – auch wenn gar kein Verkehr ist oder die Frau gar nicht rüber will. Irgendwann fange die alten Damen an zu protestieren, sie wollen selbst entscheiden ob sie auf die andere Seite möchten oder nicht, aber ‚Die Retter‘ sind erbarmungslos – und feiern sich selbst als die Helden der Neuzeit. Sie erkennen endlich das Auto als den wahren Feind älterer Frauen: Das Cartriarchat ist Schuld und muss unerbittlich bekämpft werden. Eifrige Jünger nehmen alten Frauen ihre Autos ab und zerstören sie, zünden Tankstellen an und entdecken die versteckten Zeichen des Cartriarchats überall. Diese sind vielfältig und werden mutig bekämpft: Sie sägen Verkehrsschilder ab und Ampeln, Fahrbahnmarkierungen werden übermalt, einige wollen Brücken sprengen …

Bei uns fuhr die Straßenbahn direkt neben dem Bürgersteig, eine gefährliche Situation, die schon Grund für viele Unfälle war. Einmal hatte sich ein etwa 4 Jahre alter Junge von seiner Mutter losgerissen und rannte auf mich zu – direkt am Straßenrand. 10 Meter dahinter die atemlose Mutter, ohne Chance den kleinen Ausreißer zu erwischen, und das Quietschen der Bahn wurde schon lauter – Lebensgefahr.

Als der Junge mich erreicht springe ich über meinen Schatten und halte den kleinen Ausreißer fest. Und die dankbare Mutter im Hintergrund ruft: „Lassen sie sofort meinen Jungen los, wir müssen die Bahn noch erreichen!“ – ist mir so passiert.

Da kann man jetzt mal drüber nachdenken. Kleiner Tipp: es ist nicht alles so, wie es scheint.

In Womenshealth [Feminismus – Warum Frauen nicht gegen Feministinnen sein sollten] fühlt sich einer dieser ‚Helden der Neuzeit‘ – Jens Clasen – berufen, den Feminismus zu verteidigen. Er fragt zu Beginn: „Wenn nicht einmal alle Frauen grundsätzlich für Feminismus sind, wie sollen wir dann je die Männer überzeugen?

Statt sich zu fragen, wie er die Männer überzeugen kann, sollte er sich vielleicht fragen, warum die meisten Frauen gegen Feminismus sind. Vielleicht glaubt er ja nur, die Wünsche Der Frauen zu kennen.

Aber nein, der Feminismus rettet die Frauen, z.B. vor: „sexuelle Belästigung, systematisches sprachliches Kleinmachen von Frauen oder Nicht-Anerkennung ihrer Leistungen“ Wer darf  eigentlich definieren, was ’sexuelle Belästigung‘ ist? In Frankreich waren das Feministen, da wird hinterherpfeifen bestraft – während mir schon mehrere Frauen gesagt haben, dass sie das Pfeifen genießen. ’systematisches Kleinmachen‘ und ‚Nicht-Anerkennung …‘ kenne ich – habe ich schon selbst erlebt, auch bei anderen Männern; und natürlich auch bei Frauen. Ist weit verbreitet und böse, hat aber nichts mit Frauen zu tun. Außer vielleicht, dass besonders Frauen andere Frauen klein machen.

Dann wird der Autor etwas beleidigend, rückt Frauen die gegen Feminismus sind in die Nähe von Impfgegnern, die von dem Mut der anderen profitieren, und verweist auf die glorreichen feministischen Erfolge der Vergangenheit, wobei er bis 1919 (Frauenwahlrecht) zurück geht. Geschenkt. Aber die Vergangenheit ist eben vergangen, heute ist 2020.

Auf der Suche nach Beispielen für den Sinn des feministische Kampfes schafft er es dann nicht ein mal, den pinkfarbenen Damenrasierer zu umfahren, der mehr kostet als das gleiche Modell in schwarz – für Männer. Wieso beleidigt er eigentlich immer Frauen? Wenn die wirklich nicht in der Lage wären, sich den Rasierer zu kaufen, den sie haben wollen, dann müsste ihnen doch wohl das Wahlrecht entzogen und nicht der Preis des Rasierers diktiert werden? Man kann sich grundsätzlich fragen, ob es richtig ist, dass Verkäufer ein Angebot zu ihrem Preis machen dürfen und der Kunde dieses Angebot annehmen kann oder nicht. Aber Sonderregeln für Rasierer, weil der Preis nicht von der Farbe abhängen darf da bestimmte Kunden bestimmte Farben bevorzugen? Darf dann ein Auto mit roter Lackierung auch nicht mehr mehrere hundert Euro teurer sein als das selbe Modell in schwarz?

Und natürlich glaubt er immer noch, Frauen würden schlechter bezahl als Männer … Zu den geringst-Verdienern gehören z.B. die Glas- und Gebäudereiniger – fast nur Männer! Sind ihm Tatsachen grundsätzlich fremd?

Zum Schluss landet er dann den Volltreffer: „… dass es viele Frauen gibt, die … oft sehr wohl darauf angewiesen [sind], dass jemand für sie eintritt.“ Denkt er beim Schreiben nach oder glaubt er wirklich, das sei ein typisches Frauenproblem? In den meisten Fällen haben Männer und Frauen nämlich die gleichen Probleme im Alltag: den Idioten über sich, gegen den sie sich aus irgendeinem Grund nicht wehren können. Und das kann ein Mann oder eine Frau sein, aber das Geschlecht ist eigentlich vollkommen egal. Verantwortungsvoller Umgang mit Macht, das ist ein Problem – und Frauen haben unerhört viel Macht über Männer.

Nur in seinem Schlusswort kann er meine Zustimmung finden: „Frauen verdienen gleiche Rechte …“ Aber es dürfte schwierig werden, ihnen ihre Sonderrechte im Sexualstrafrecht und im Familienrecht wieder wegzunehmen.

Herr Clasen glaubt tatsächlich besser zu wissen, was Frauen brauchen, als diese selbst und erliegt obendrein noch dem Opfermythos, nachdem Frauen schwach und dumm sind und einen Beschützer brauchen, der ihnen die Kartoffeln aus dem Feuer holt. In welchem Mittelalter lebt Herr Clasen eigentlich?