Ist ‚Gender‘ eine Ideologie?

Ein feministisches Autorenteam versucht den Vorwurf zu entkräften, bei der Genderforschung handele es sich um eine Ideologie.

‚Genderwissenschaften‘ waren für mich immer Ideologie und keine Wissenschaft. Dabei bin ich durchaus der Ansicht, dass es im Bereich der gesellschaftlichen Geschlechterverhältnisse wichtige Dinge zu erforschen gibt; nur kann ich keine Hinweise darauf finden, dass die Genderwissenschaften schon damit begonnen hätten. Ich bin aber grundsätzlich aufgeschlossen für einen Gegenbeweis. Tatsächlich würde ich sogar begrüßen, wenn verschiedene Fragen, die eindeutig in den Bereich der Genderwissenschafte fallen, endlich angegangen würden, aber bisher bin ich da noch nicht fündig geworden. Und jetzt bin ich auf einen Artikel zum Thema mit dem Titel  ‚Gender, Wissenschaftlichkeit und Ideologie‘ gestoßen, der sich kritisch mit ‚Gender Gegnern‘ auseinandersetzt, mit Leuten die ‚Gender‘ für eine Ideologie halten und solche Leuten wie mich vom Gegenteil überzeugen wollen. Voller Erwartungen und mit ein wenig Hoffnung habe ich mir also die 88 Seiten vorgenommen.

Die Replik wurde von einem Autorenteam verfasst und hat also den Titel ‚Gender, Wissenschaftlichkeit und Ideologie‘ (1). Das Autorenteam hat sich wirklich bemüht, die Genderwissenschaften gegen den Vorwurf ideologisch verbrämt zu sein zu verteidigen, sie haben ein 88 seitiges Paper dazu verfasst und über hundert Quellen angegeben. Aber sie haben am Ziel vorbei geschossen.

Kurz zusammengefasst: Die Autoren pflegen einen explizit wissenschaftlichen Darstellungsstil. Das macht den Eindruck, als sollten ihre Gegner vor der Form kapitulieren, weil sie – die Gegner – dem formal oft nichts entsprechendes entgegenzusetzen haben. Der Stil ist eloquent, Fremdworte werden gerne verwendet und teils gleich übersetzt, die Angaben von Zitaten und Quellen sind perfekt. Das alles ist heute Teil von Wissenschaftlichkeit – aber wissenschaftliche Form produziert nicht automatisch Wahrheiten. Und sie ist auch nicht im mindesten erforderlich, um Wahrheiten zu erkennen und mitzuteilen.

Inhaltlich kommt eigentlich gar nichts, jedenfalls nicht zum Thema: statt sich mit der Frage auseinanderzusetzen, was die ’normalen Menschen‘ meinen, wenn sie zum Ideologie-Vorwurf greifen und diese Vorwürfe zu entkräften, führen sie eine kurze wissenschaftlich Untersuchung des Bergriffs durch, verzichten dabei auf eine gängige Quelle wie Wikipedia, die zwar nicht wissenschaftlichen Ansprüchen genügen mag, aber eben die Antwort liefert, die hier gesucht wird, nämlich das allgemeine Verständnis des Bergriffs, auf den ja hier reagiert werden soll. Statt herauszuarbeiten, wogegen sich die Kritik an den  Genderwissenschaften überhaupt richtet, stellen die Autoren fest, dass ihre Kritiker den Begriff Ideologie wohl nicht richtig anwenden. Auf Seite 7 werfen sie ihren Kritikern vor
    Ihre Prämissen und Annahmen bleiben unreflektiert.
Und 10 Seiten später haben ihre Kritiker nur eine Stoßrichtung:
     Der Vorwurf, die Gender Studies seien unwissenschaftlich.
Bis Seite 17 also nur viel Lärm um nichts.

Auf Seite 41 ist man immer noch nicht viel weiter, jetzt heißt es:
    Hinter dem Ideologie-Vorwurf gegen die Gender Studies steht meist kein spezifiziertes, sondern eher ein umgangssprachliches Verständnis des Begriffs
und
    … Zentral ist jedoch, dass der Ideologievorwurf die  vom Ideologiebegriff aufgeworfene Frage im Hauruck-Verfahren zu lösen vorgibt: Ideologisch, das seien die anderen – die eigene Position hingegen sei unideologisch.

Bis hier hat man sich nur mit seinen Kritikern beschäftigt, nicht mit deren Kritik; mehr noch nicht. Wirklich erschreckend aber finde ich, dass es dabei bleiben wird, dass sich die Autoren im gesamten Text nicht ein einziges Mal inhaltlich mit den Vorwürfen befassen, sondern ausschließlich mit einigen wenigen ausgewählten Personen, die sich kritisch geäußert haben. Sie weisen ihren Kritikern wiederholt unwissenschaftliches Arbeiten nach und stellen mehrfach fest, dass ihre Kritiker Ansprüche an wissenschaftliche Arbeiten stellen, die selbst nicht erfüllen und schließen auf ihre Kritiker bezogen:
    Ihre Prämissen und Annahmen bleiben unreflektiert.
Da rufen also tausende ‚Der Kaiser hat ja gar keine Kleider an‘ und statt einfach mal nachzusehen, ob der Kaiser bekleidet ist oder nicht, besteht die Antwort des Hofstaates darin, den Rufern die Legitimation zu Rufen abzusprechen, da sie nicht die für Eingaben erforderlichen Formblätter verwendet haben! Das ist ein hinterlistiges, plumpes Ablenkungsmanöver! Die Kritiker sollen wohl einsehen, dass sie solchen Gegnern nicht gewachsen sind und sich zurückziehen.

Was hätten die Verteidiger des Genderlagers statt dessen tun können? Nun, der Vorwurf der Ideologie oder Unwissenschaftlichkeit meint ganz offensichtlich, dass die Genderforschung nicht auf anerkannten Grundsätzen basiert sondern auf unbewiesenen Überzeugungen, dass die falschen Grundlagen nicht hinterfragt werden weil sie als sakrosankt betrachtet werden, dass Schlüsse nicht logisch sind und dass deshalb Ergebnisse produziert werden, die letztlich auch falsch sind.

Solche All-Aussagen könnten durch Gegenbeispiele sofort widerlegt werden. Man könnte also ein paar gute Beispiele liefern die beweisen, dass die Genderwissenschaften mit nachvollziehbaren Schlüssen sinnvolle Ergebnisse geliefert haben, deren Grundlagen Hand und Fuß haben. Das wäre ein erster Schritt, der den platten Vorwurf der generellen Unwissenschaftlichkeit schon widerlegte. Dann könnte man allgemeiner und wissenschaftlich einige wesentliche Grundlagen der Genderwissenschaft vorstellen, nachweisen, dass sie auf soliden Füßen stehen und andeuten, in welche Forschungsgebiete sie einfließen und das mit weiterführenden Quellenangaben belegen. So würden vernünftige Menschen vorgehen, die nichts zu verbergen haben, und andere vernünftige Menschen dazu bewegen, über ihre Positionen nachzudenken und diese evtl. zu revidieren.

Stattdessen behaupten die Autoren, dass die Genderwissenschaftler selbst unglaublich viel reflektieren und deswegen sehr wissenschaftlich sein müssen ….

Ich habe anlässlich dieses pseudowissenschaftlichen Artikels zunächst noch ein mal meine eigene Position bestimmt und darüber nachgedacht, was ich eigentlich meine, wenn ich von Ideologie spreche – der Gebrauch unterschiedlicher Definitionen bestimmter Begriffe kann nämlich zu völlig sinnlosen Streitereien führen und sollte immer als erste Quelle von Missverständnissen ausgeschlossen werden. Darum habe ich zunächst geklärt, wie ich den Begriff in der Vergangenheit benutzt habe: Für mich war ‚Ideologie‘ immer gleichbedeutend mit: „Darüber brauche ich nicht nachzudenken, da gibt mir meine Weltanschauung (Ideologie) die richtigen Grundlagen und Antworten, die so gesichert sind, dass es da nichts mehr gibt, das man in Frage stellen könnte: sie sind unumstößlich richtig.“

Vergleiche ich das einfach mal mit Wikipedia wo es heißt:
    Seit Marx und Engels bezieht sich der Ideologiebegriff auf „Ideen und Weltbilder, die sich nicht an Evidenz und guten Argumenten orientieren …
stelle ich fest, dass das meinem Gebrauch des Begriffs ‚Ideologie‘ dem recht ähnlich ist – eigentlich ist alles ganz einfach, nur nicht geeignet, intellektuelle Überlegenheit vorzutäuschen: keine Bandwurmsätze, keine Fremdworte, keine Zitate, keine 88 Seiten.

Was mir von dem 88 Seiten Paper geblieben ist, ist Kopfschütteln: Ich hatte gehofft, einmal einen Hauch von Sinn in diesen Genderstudies aufgezeigt zu bekommen, aber den scheint es tatsächlich nicht zu geben, denn sonst hätten die Autoren sicherlich nicht widerstehen können, ihn mir hämisch grinsend unter die Nase zu reiben.

Ich bin also nach wie vor auf der Suche nach den nützlichen Ergebnissen der Genderwissenschaften die, wenn auch vielleicht nicht mir persönlich, so doch der ganzen Gesellschaft, irgendwie zugute kommen könnten. Von diesem 88 seitigen Paper bin ich jedenfalls total enttäuscht.

Quelle:
Regina Frey, Marc Gärtner, Manfred Köhnen und Sebastian Scheele,
Gender, Wissenschaftlichkeit und Ideologie
Herausgegeben von der Heinrich-Böll-Stiftung 2013/2014
Gunda Werner Institut
Band 9

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